Kurzer Realitätscheck vorab
Red Hat hat sich als kommerzieller Treiber hinter oVirt zurückgezogen – das kommerzielle Produkt "Red Hat Virtualization" (RHV), das auf oVirt aufbaute, läuft aus. Das oVirt-Projekt selbst existiert weiter als community-getragenes Open-Source-Projekt und wird aktiv gepflegt (Stand: 4.5.x-Reihe mit laufenden Punkt-Releases). Wer oVirt heute einsetzt, sollte das wissen: Es gibt keinen kommerziellen Support-Vertrag mehr im Hintergrund, nur noch Community-Support. Für viele KMU ist das ein relevantes Kriterium – nicht technisch, aber organisatorisch.
Wann oVirt trotzdem die richtige Wahl ist
Wer bereits in einer Red-Hat-/CentOS-/Rocky-Linux-geprägten Infrastruktur steckt, RBAC-Strukturen im Enterprise-Stil braucht oder eine REST-API-first-Architektur für Automatisierung will, findet in oVirt ein solides Werkzeug. Für alle anderen ist Proxmox VE in aller Regel die pragmatischere Wahl – einfacherer Einstieg, aktive kommerzielle Entwicklung, größere Community im deutschsprachigen Raum.
oVirt installieren
# Rocky Linux 9 / AlmaLinux 9
dnf install -y centos-release-ovirt45
dnf install -y ovirt-engine
engine-setup
# FQDN: ovirt.firma.local | DB: local | Admin-Passwort setzen
engine-setup fragt interaktiv sehr viele Parameter ab (Firewall-Regeln, PKI-Zertifikate, Datenbank-Konfiguration) – für den ersten Testlauf lohnt es sich, die Defaults zu übernehmen, statt bei jeder Option manuell einzugreifen. Die meisten Werte lassen sich später über die Engine-Konfiguration anpassen.
KVM-Host hinzufügen
Compute → Hosts → New:
- Name: kvm-host-01
- Address: 192.168.1.50
- Root Password: [Passwort]
Der Host wird während des Hinzufügens automatisch mit den nötigen Paketen (vdsm, oVirt-Node-Agenten) bestückt – das dauert je nach Verbindung mehrere Minuten und schlägt gerne fehl, wenn der Host vorher schon manuell mit abweichenden Paketversionen konfiguriert wurde. Sauberste Basis: frisch installiertes Rocky/AlmaLinux ohne Vorkonfiguration.
REST API
# Host hinzufügen
curl -X POST https://ovirt.firma.local/ovirt-engine/api/hosts \
-H "Content-Type: application/xml" \
-u "admin@internal:PASSWORT" \
-d '<host><name>kvm-host-01</name><address>192.168.1.50</address>
<root_password>HOSTPASSWORT</root_password></host>'
# VM erstellen
curl -X POST https://ovirt.firma.local/ovirt-engine/api/vms \
-H "Content-Type: application/xml" \
-u "admin@internal:PASSWORT" \
-d '<vm><name>web-server-01</name>
<cluster><name>Default</name></cluster>
<template><name>Blank</name></template>
<memory>4294967296</memory></vm>'
Die REST-API ist tatsächlich einer der stärksten Gründe für oVirt in automatisierten Umgebungen – Terraform- und Ansible-Provider existieren und sind produktionsreif, während Proxmox erst mit neueren Versionen vergleichbar gute Automatisierungs-Anbindung nachgezogen hat.
oVirt vs. Proxmox VE
| Kriterium | oVirt | Proxmox VE |
|---|---|---|
| Lizenz | Apache 2.0 | AGPL v3 |
| Kommerzieller Support | Nur über Drittanbieter | Direkt von Proxmox (Subscription) |
| Einstieg | Komplex (mehrteilige Architektur) | Einfach (All-in-One) |
| Container | Nein | LXC nativ integriert |
| Automatisierung | REST-API, ausgereift | REST-API + CLI, aufholend |
| Typischer Einsatz | Große RHEL-geprägte Infrastruktur | KMU, Homelab, gemischte Umgebungen |
Fazit
oVirt ist technisch solide und lebt community-getragen weiter, hat aber seit dem Rückzug von Red Hat kein kommerzielles Sicherheitsnetz mehr. Für Neueinsteiger ohne bestehende RHEL-Infrastruktur ist Proxmox VE fast immer der pragmatischere Einstieg.
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